Schneeräumen in Bangkok – Jahreszeiten-Jammer einer Deutschen

Ich bin verwirrt. In meiner Kindheit waren die Jahre im Ablauf klar unterteilt. Es gab Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Vier klar definierte Jahreszeiten. Die Haupt-Events waren Geburtstag, Weihnachten und Ostern. An Ostern gab es Osterhasen und traditionell durften meine Freundinnen und ich dann das erste Mal im Jahr Kniestrümpfe statt Strumpfhosen tragen. Und Weihnachten – völlig klar, immer kalt, Schnee, Christbäume. Strukturen wie „Sommer warm – Winter kalt“, die sich in ihrem Grundgerüst nie änderten.

Nur drei Jahreszeiten

Jetzt aber lebe ich seit fünf Jahren in den Tropen und alles ist anders. Meine Jahreszeiten hier: nur noch drei. Regenzeit, Trockenzeit, heiße Zeit. Regenzeit heißt: viel Regen, hohe Luftfeuchtigkeit und Gewitter. Trockenzeit: kühle Temperaturen („nur“ 24 Grad). Und heiße Zeit, da ist es einfach superheiß, bis zu 40 Grad. Für die Thais sind das ihre klaren Strukturen im Jahr. Für uns Deutsche heißt es aber jahreszeitlich in Thailand eigentlich: immer heiß, immer alles grün! Ob mit oder ohne Regen, de facto habe ich hier keine Jahreszeiten mehr. So kommt es mir jedenfalls vor. Ich war auch seit fünf Jahren im Winter nicht mehr in Deutschland, lebe irgendwie außerhalb jeglicher Saison. Strumpfhosen besitze ich gar nicht mehr und nicht mal Kniestrümpfe.

Weihnachten ist Weihnachten!

Okay, woran also soll ich mich durchs Jahr hangeln, fragte ich mich nach einiger Zeit hier in den Tropen. Weihnachten und Ostern – das ist doch vom Wetter unabhängig, dachte ich. Und tatsächlich, Weihnachten ist auch hier Weihnachten! Ich war im ersten Jahr regelrecht erleichtert. Die Thais sind zwar fast alle keine Christen, aber egal, es gibt bunte Glitzerdeko, Weihnachstbäume und in allen Shoppingcentern dudeln die internationalen Christmas-Songs. So wie letzte Woche bei meinem Friseur! „It´s a cold cold winter …“ wurde abgelöst von „All I want for Christmas is you“. Unwillkürlich summte ich mit – bis ich realisierte: Moment, es ist Juli!! Juuuli! Sommer, nicht Winter. Oder meinetwegen Regenzeit. Definitiv aber nicht Weihnachten.

„You like?“ fragte mich der Friseur. Ich konnte – aus technischen Gründen beim Haare schneiden – nicht einmal fassungslos den Kopf schütteln. Einen Tag später im Baumarkt. Ein Plakat wirbt dort für den Beginn des – tja, nennen wir es mal – Sommerschlussverkaufs oder auch meinetwegen auch des Regenzeitschlussverkaufs. Die Kampagne lautet: „Cool winter promotions!“ Das Logo: Ein Eisbär im Schnee neben einem Christbaum. Was denn nun? Winter im Sommer? Es ist doch weltweit Sommer oder etwa nicht? Und warum überhaupt ein Weihnachstbaum im Juli?

Ich begann in meinem täglichen Umfeld darauf zu achten und entdeckte gar Schreckliches: im Supermarkt meines Vertrauens fand ich nicht nur kleine goldene Osterhasen im Süßwarenregal (Verfallsdatum: August 2009), sondern auch Papierservietten und neben der Obstabteilung auf einem Extratisch: Adventskalender! Ja kein Witz, die einfachen bunten Pappkalender mit den Schokoladenfiguren drin, mit dem deutschen Schriftzug „Adventskalender“.

Eine Freundin hatte mir erzählt: in Bangkoks Chinatown gäbe es einen Laden, der das ganze Jahr über Weihnachtsdeko anbiete. Ich bin besessen und will es selber sehen. Tatsächlich: Plastikweihnachtsbäume, Nikolausmützen, Kugeln, Sterne, alles, was man so für ein Weihnachtsfest braucht. Ich frage die Inhaberin: „Wer kauft denn im Juli bei Ihnen ein?“ Sie schaut nur kurz auf und sagt: „Leute kaufen.“ „Warum aber schon im Juli?“ will ich wissen. „Irgendwo auf der Welt ist doch immer Weihnachten!“ antwortet sie im Brustton der Überzeugung und wickelt ungerührt weiter Lametta auf.

Schneeräumdienst auf Thai-Art

Und ich gebe auf. Ich habe eben dann zumindest in meinem Supermarkt den Gesamtvorrat der goldenen Schokohasen aufgekauft, befreit sozusagen! Heute Abend kommen Gäste. Die Hasen gibt’s zum Dessert. Als Hauptgang habe ich Rotkohl und Gänseschenkel vorbereitet. Warum eigentlich nicht?! Ist doch schließlich Regenzeit oder so …

Heute morgen steht in der Zeitung dann zur Krönung nicht nur die Aufforderung, Patchworkdecken für Bedürftige im Winter zu stricken (Hallo???!!! Wir sprechen von Thailand, Südostasien, Tropen!!), sondern auch eine Werbung für den Bangkoker Schneeräumdienst. Für 8 Euro gibt es ein Jahresabo und Schneeschippen ist ein ganzes Jahr lang kein Problem mehr für mich. Desaster Preparedness ist dafür wohl der Fachausdruck aus dem entwicklungspolitischen Bereich. Aber irgendwie werde ich in diesen Tagen das Gefühl nicht los, dass ich irgendwas Entscheidendes verpasst habe … nur was?!

Jahres-Abo ein Jahr Schneeschippen in Bangkok

Jahres-Abo ein Jahr Schneeschippen in Bangkok

Stichworte: , , , ,

Schreib einen Kommentar