Same Same – But Different
Beitrag von christinagrawe on 9/17/09 • Kategorie Asien Stories

Same Same - But Different
Jeder Tourist, der das erste Mal nach Thailand kommt, wird spätestens am zweiten Tag seines Aufenthaltes mit einer Situation konfrontiert werden, die er einfach nicht versteht. Beispiel: Er will ein rotes T-Shirt kaufen, fragt die Verkäuferin, ob es das vielleicht in XL gibt. Die nickt, hält ihm aber eine grüne Hose hin und sagt fröhlich – seinen erstaunt-fragenden Gesichtsausdruck ignorierend – „same same – but different!“. Ist doch genauso, nur eben anders!
Als Tourist findet man das amüsant, führt es auf mangelnde Sprachkenntnisse auf beiden Seiten zurück. Viele kaufen sich sogar die T-Shirts mit dem Schriftzug „same same but different“, die auf den Urlaubermärkten angeboten werden.
Wenn man aber hier lebt, kann eben gerade dieses „different“ schnell zu einem extremen Nervfaktor mutieren.
Sieht doch fast genauso aus!
Neulich: Ein Handwerker repariert die weißen Kacheln in meinem Bad, setzt aber eine einzige in beige ein. Same same, nur eben anders! Wo ist das Problem, scheint er mich zu fragen! Sieht doch fast genauso aus.
Ich gehe durch ein Kaufhaus, will schwarze hohe Schuhe kaufen. Der Verkäufer hält mir beige Wanderschuhe hin „Discount 10 percent!“ Ist doch besser, das billige Paar zu kaufen, denkt ER. ICH denke, wie zum Teufel soll ich denn Wanderschuhe unters kleine Schwarze anziehen!!
Meine Vermieter erhöhen die Miete, nachdem ICH renoviert habe. Schließlich ist das Haus nach dem Streichen und Reparieren ja mehr wert. Logisch, also mehr Miete! ICH soll mehr Miete zahlen, obwohl ICH renoviert habe?? Logisch für Thais, aber nicht logisch für mich als Deutsche.
Logik oder Unlogik, das ist hier die Frage …
Ein Autounfall: ein besoffener Thailänder auf einem Mofa ohne Helm fährt quer über die Autobahn, geradewegs ins Auto meines Mannes. Klare Schuldklärung in diesem Falle, aber man weist meinen Mann höflich darauf hin, er sei ja theoretisch mit Schuld. Schließlich wäre der Unfall ja nicht passiert, wenn er nicht gerade zu dem Zeitpunkt dort auf der Autobahn gefahren wäre. Und überhaupt, wäre er in Deutschland geblieben, wäre es nie zu diesem Zusammenstoß gekommen. Es ging nicht um Abzocke, das muss ich betonen. Selbst der Anwalt meines Mannes musste diese Logik bestätigen!
Logik oder Unlogik??
Der größte Kulturschock für mich immer wieder: Der Besuch im Baumarkt
Ich möchte Tapete kaufen. Freundlich reicht man mir die Musterbücher und hilft mir bei der Auswahl. Ich finde eine Tapete und sage: Diese dort, 10 Rollen. Die Verkäuferin lächelt freundlich, nimmt mir das Buch (das sie mir kurz vorher gegeben hat, wohl bemerkt!) aus der Hand und sagt: Oh, diese Tapeten aus diesem Buch führen wir nicht!
Nach langjähriger Thailand-Erfahrung gebe ich aber nicht auf und frage geduldig nach einem Buch, dessen Tapeten sie führen. Ich suche also eine neue aus. Die Verkäuferin aber muss mich wieder enttäuschen: Sorry, nur noch 2 Rollen da. Sagt es, klappt das Buch zu und geht.
Baumarkt-gewieft laufe ich hinterher und frage, ob sie die Tapete denn bestellen könnte. Sie nickt freundlich: Ja, dauert eine Woche. Warum sie mir das nicht von sich aus anbietet, frage ich sie dann doch. Sie sagt, ich hätte doch nicht danach gefragt!
„Noo, no have.“
Selber Baumarkt, anderer Tag. Wir wollen eine Hochdruckreiniger kaufen. Der Verkäufer preist uns ein reduziertes Spitzenmodell an, wir entscheiden uns aber für ein anderes. „Noo, no have.“ Nein, diese Modell führen sie nicht, es sei auch nicht zu bestellen. Warum es dann überhaupt ausgestellt ist, verstehen wir nicht! Nein, auch das Ausstellungsstück sei nicht zu kaufen, das sei ja schließlich das Ausstellungsstück. Nach endlosen Diskussionen geben wir klein bei und sagen: Okay, wir nehmen das zuerst angepriesene reduzierte Gerät. Der Verkäufer schaut uns an und sagt: Oh, sorry, das ist ausverkauft! Er könne es zwar bestellen, aber nur zum doppelten Preis.
Wieso, weshalb, warum …
Das ist dann der Moment, wo man als Deutscher nur noch Fragezeichen in den Augen hat, einfach nicht verstehen kann, waaaarum und wieso und weshalb!
Immer wieder trifft man Ausländer in Thailand, die sich endlos aufregen über die faulen dummen Thais. Über die naiven blöden Asiaten usw.
Ich bemühe mich, nicht in diesen Chor einzustimmen. Denn, was wir immer wieder schnell vergessen: Auch wenn die Menschen hier die gleiche Mode tragen wie in Berlin und New York, auch wenn sie den gleichen Café Latte bei Starbucks bestellen, auch wenn sie wie überall auf der Welt The Bachelor und Grey’s Anatomy schauen und hier Sarah Connor im Radio dudelt: Wir sind hier am anderen Ende der Welt, in einem anderen Kulturkreis, leben mit Menschen, die eine andere Art der Schulbildung genossen haben, die in einer anderen Religion und Philosophie erzogen wurden, die offensichtlich wirklich einfach anders denken! Was ist denn schon Logik? Das, was wir Europäer für Logik halten??
Ein lustiges Beispiel zum Schluss:
Mein Mann möchte in eine bestimmte Werkstatt, hat die Telefonnummer bekommen, weiß aber die Adresse nicht. Er ruft an, fragt den Handwerker, ob er gleich aus dem Taxi noch einmal anrufen kann und das Handy dem Taxifahrer geben kann, so dass der die Adresse erfährt. Ja, kein Problem. Im Taxi also, mein Mann ruft wieder an, sagt: Ich sitze jetzt im Taxi und will zu deiner Werkstatt kommen, sagst du bitte dem Fahrer, wo es hingeht. Na klar. Umständlich wird alles erklärt, der Taxifahrer nickt und fährt hin. Geschlossene Rolltore an der angegebenen Adresse. Doch, sagt der Fahrer, die Adresse stimmt, schau doch, da steht das Schild besagter Werkstatt. Mein Mann ruft also wieder den Handwerker an. „Wo bist du? Warum sind die Rolltore zu?“ Der ist völlig erstaunt: „Heute ist doch Ruhetag, wir haben geschlossen!“ Wer hat den Fehler gemacht?? In der Logik des Thailänders: mein Mann. Schließlich hat er doch nur nach der Adresse und der Anfahrt gefragt, er hatte nicht gefragt „Hast du heute geöffnet?“
Mein Mann und ich, wir haben einen Weg gefunden, uns zu arrangieren. Wir setzen einfach nichts mehr voraus. Bei einem Kauf oder einer Verabredung erfragen wir alles bis ins letzte Detail. Dann wissen wir Bescheid und es entstehen keine Missverständnisse. Nur eine Art von Fragen versuchen wir zu unterdrücken: Fragen, auf die es zumindest von Thailändern keine Antworten gibt: die W-Fragen! Warum, wieso, weshalb und wann – neulich antwortete ein Thai auf die Frage „warum?“ mit „Kein warum.“ Klar und deutlich.
Die frohe Botschaft?
Warum ich diese Erlebnisse als frohe Botschaft aufschreibe – weil ich finde, es macht mir jeden Tag klar, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin, sondern dass sie groß und bunt ist. Ich lerne jeden Tag, mich aufs Neue zu arrangieren, anzupassen, aber auch mich durchzusetzen.
Oberflächlich betrachtet sind wir Großstädter Mitte bis Ende 30 eigentlich alle gleich, sind alle im Facebook, telefonieren mit dem I-Phone und wissen, welche Jeans gerade angesagt ist – aber dann wieder sind wir doch alle völlig verschieden.


