Pand(a)emie in Thailand
Beitrag von christinagrawe on 6/02/09 • Kategorie Asien Stories,Drehorte
Es ist, als hätte ganz Thailand auf eine frohe Nachricht gewartet, sich regelrecht danach gesehnt. Nun gibt es sie, diese Nachricht, und das ganze Königreich scheint sich – im übertragenen Sinne – wohlig darin zu räkeln.
Seit Monaten sind die Menschen hier voller Sorge um die Zukunft ihres Landes: immer wieder gab es Großdemonstrationen, politische Unruhen bis hin zum Bürgerkrieg. Es gab Tote, der Ausnahmezustand wurde verhängt, tagelang waren die Flughäfen der Hauptstadt besetzt. Busse brannten, Panzer fuhren durch Bangkok, es wurde geschossen. Und wenn sich gerade mal politisch alle wieder beruhigten, gab es Meldungen über mysteriöse Todesfälle unter Ausländern, lebensbedrohende Würfelquallen wurden an den Küsten gesichtet und die Schweinegrippe auch hier festgestellt. In den Zeitungen standen ausschließlich Schreckensnachrichten über den immensen wirtschaftlichen Schaden durch die wegbleibenden Touristen und ähnliches.
Aber jetzt das: seit Tagen beherrscht SIE die Seite 1 und ganz Thailand ist verliebt! In eine kleine Chinesin, die vor wenigen Tagen überraschend im Norden des Landes ankam. Die Thais schicken ihr körbeweise bunte Grußkarten, stehen Schlange, um sie zu sehen, sie tragen T-Shirts mit ihrem Foto, Tassen und Schlüsselringe mit ihrem Konterfei sind bereits in Produktion. Ein Festkomitee wurde gegründet, um weitere Willkommensfeierlichkeiten für sie zu planen, berühmte Mönche zur Segnung angefragt. Jede neue Einzelheit über sie wird in den Nachrichten verkündet. Dabei hat sie nicht einmal einen Namen. Und wirklich schön ist sie eigentlich auch nicht. Sie ist nur Handteller groß, wiegt 250 Gramm, ist spärlich behaart, blind, schrecklich laut quietschig und zappelig, wenn sie Hunger hat. Anfassen lässt sie sich nur von ihrer Mutter – und das ist die chinesische Pandadame Lin Hui im Zoo von Chiang Mai. Für alle überraschend bekam sie Ende Mai plötzlich ein Baby.
Am Morgen benahm sie sich ein bisschen komisch, und der Tierpfleger traute seinen Augen nicht, als wenig später das weisse Pandawürmchen in den Käfig rutschte.

Pandababy Lin Ping, kurz nach der Geburt
Tausend mal berührt…
Niemand hatte geahnt, dass Lin Hui schwanger war und das, obwohl man diesbezüglich seit 6 Jahren nichts unversucht gelassen hatte. Die Riesenpandadame und ihr bäriger Gefährte Chuang Chuang schienen einander nämlich nur rein platonisch zugetan. Sechs Jahre lang in einem Haus, tausendmal berührt und tausendmal ist nix passiert. Die thailändischen und chinesischen Wissenschaftler arbeiteten mit allen Tricks. Ließen eine Schneekanone aus den USA einfliegen, um es den beiden ein bisschen behaglich kühl zu machen und sie so in Stimmung zu bringen. Aber nichts. Pandamann Chuang Chuang wurde auf Diät gesetzt, um ihn aktiver werden zu lassen. Auch das half nichts. Man zeigte ihm wochenlang Pandapornos, vielleicht lag es ja an der mangelnden Sexualaufklärung des Pandas, dachte man, Aber keine Reaktion. Lin Hui und Chuang Chuang blieben einfach nur Freunde. Letzter Ausweg für die Zoologen: künstliche Befruchtung. Der erste Versuch scheiterte. Im Februar dann der zweite Anlauf. Die sexmuffeligen Riesenpandas in Chiang Mai hatten mittlerweile schon längst einen landesweiten Starstatus erreicht. Ganz Thailand fieberte also mit. Der letzte Ultraschall aber zeigte nichts. Die Enttäuschung bei Fans und Wissenschaftlern war groß. Aber Lin Hui hatte offenbar alle ausgetrickst und überraschte sogar ihren persönlichen Tierpfleger mit ihrem Baby. Seitdem beherrschen die Meldungen über das Pandafieber die Nachrichten. Von Schweinegrippe will niemand mehr etwas hören. Alle Gespräche landen früher oder später bei dem Thema. „Hast du schon die neuesten Fotos gesehen?“ „Wann kann man denn dahin fahren?“ usw.. Jeder weiß plötzlich Bescheid, mit wie vielen Monaten Pandas die schwarzen Ringe um die Augen bekommen. Nein, sie werden nicht so geboren.

Die typischen Panda-Flecken sieht man erst nach einigen Wochen
Und sogar die Politiker lassen sich verzaubern von dem eigentlich noch recht unansehnlichen Bärchen. Es ist schon längst keine interne Zoo-Geschichte mehr, das 250 Gramm leichte Wesen ist innerhalb weniger Tage zur Staatsangelegenheit geworden. Da ist Deutschlands Wahnsinn um Eisbär Kaut wirklich nichts dagegen.
Politische Pand(a)ffären…
Ein ehemaliger General hat schon offizielle Gespräche mit Chinas Außenministerium aufgenommen, denn zum Schrecken aller soll das Pandababy nach zwei Jahren eigentlich nach China gebracht werden. Die Eltern Lin Hui und Chuang Chuang sind nämlich nur zeitlich begrenzt aus dem befreundeten Land ausgeliehen und im Vertrag ist auch der Verbleib eines möglichen Nachwuchses geregelt.
Auch Premierminister Abhisit hat den Minipanda bereits besucht und persönlich die Geburtsurkunde überreicht. Auch er hat jetzt bereits den Dialog mit der chinesischen Regierung angestrebt. Das Baby muss in Thailand bleiben, sagt er. Ein bisschen klingt das so, als könne die winzig kleine Bärin das ganze Land aus der Misere retten. Und wer weiß, vielleicht kann sie es auch. Zumindest wollen viele Thailänder momentan genau das hören und glauben.
Der Tourismusdirektor Chiang Mais hat bereits vorsichtig fröhlich einen Anstieg der Besucherzahlen der Region von mindestens 15 Prozent ausgerechnet.
Beim Verkehrsministerium liegt der Antrag vor, in der Geburtsstadt des Pandababies KFZnummernschilder anfertigen zu lassen, auf denen die ganze Bärenfamilie die Autonummer malerisch umrahmt.

Pandababy Lin Ping ist Thailands neuer Superstar
Landesweit wurde Monate lang zur Namensgebung des Minipandamädchens aufgerufen. Der Gewinner bekam nicht nur die Ehre, sondern auch eine Million Thaibaht und ein Auto. Und das Pandababy heisst fortan Lin Ping, übersetzt heisst das “Eiswald”.


