AIDS-Waise in Bangkok – Die Geschichte der kleinen Peh

Mercy Centre Bangkok

Mercy Centre Bangkok

Wenn die 7jährige Peh besonders glücklich ist, dann quietscht sie laut und ihre kleine Zunge schiebt sich frech durch die kaputten Zähnchen, die sie beim Lachen zeigt. Noch sind es die Milchzähne, aber wahrscheinlich werden auch die neuen Zähne bald wieder faulen. Liegt nicht an mangelnder Hygiene – Nebenwirkungen der Medikamente, die sie jeden Tag nehmen muss. Auswirkungen des Virus, das ihre Mutter ihr vom ersten Tag an auf dieser Welt mitgegeben hat. HIV. Die kleine Peh hat Aids.
Ihre Geschichte ist eine von unzähligen in Asien: Papa trank oft ein bisschen zu viel, stromerte rum und steckte sich an in einem der billigen Bordelle auf dem Land. Mama erfuhr erst zwei Jahre später, als sie mit Baby Peh schwanger war, dass er auch sie angesteckt hatte. Papa starb zuerst, Mama wenige Wochen nach Pehs Geburt. Das war vor sieben Jahren.

Zunächst kümmerte sich die Oma um Peh

Die Oma kümmerte sich zuerst um Peh, aber niemand in ihrer kleinen Hütte in den Slums kannte sich aus mit kranken Babies. Und Peh war irgendwie anders, das kapierten alle. Aber niemand hatte Zeit oder Geld oder Nerven, sich darum zu kümmern. Als die Oma sich nicht mehr kümmern konnte oder wollte, hatte eine entfernte Tante Mitleid, eine Straßenkehrerin mit schon drei Kindern und einem Motorradtaxifahrer-Ehemann. Peh war fünf, konnte weder laufen noch sprechen zu der Zeit. Die Tante ahnte von dem Virus, der Schuld daran war, traute sich aber nicht, es ihrem Mann zu sagen. Hatte Angst, der Mann würde sie dann mit den drei Kindern sitzen lassen. Tagsüber hatte niemand Zeit für Peh, so sperrte man sie in einen kleinen Raum ein, mit frischem Reis und Wasser, was blieb der Tante anderes übrig.
Ein Nachbar erzählte ihr dann von einer Art Kindertagesstätte für spezielle Kinder. Und so kam die kleine Peh ins Mercycentre, ein Kinderheim, Aidshospiz und Zuhause für Kinder wie Peh, für die niemand Zeit hat. Das war vor zwei Jahren.
Als ich Peh dort das erste Mal traf, konnte sie nicht laufen, nicht essen, nicht lachen und nicht sehen. Der Virus, zu lange nicht bekämpft, war stärker als ihr Augenlicht, stärker als ihr Nervensystem. Peh hat auch heute noch Schwierigkeiten, ihre Bewegungen zu koordinieren.

Sie kann jetzt stehen und beinahe alleine laufen

Behutsam wurde sie in den letzten zwei Jahren in ihrem neuen Zuhause gepflegt und gestreichelt, gefüttert und auf die richtigen Medikamente eingestellt. Die ersten Wochen saß sie unbeweglich in einem kleinen Rollstuhl, weinte, als ich sie das erste Mal an ihrem Ärmchen berührte. Obwohl sie mich nicht sehen konnte – die komische weiße Frau mit gelben Haaren – hörte ich mich dennoch einfach fremd an. Viel Zeit ist seitdem vergangen. Die anderen Kinder im Heim – ebenfalls alle HIVpositiv – nahmen Peh als ihre kleine Schwester auf, wuschen sie, wickelten sie und ärgerten sie auch, so wie das ganz normale Geschwister tun. Die Hausmütter des Mercycentres pflegen sie liebevoll. Ein Physiotherapeut trainiert fast jeden Tag mit ihr, sie kann jetzt stehen und beinahe alleine laufen.
Und wenn ich heute Peh ab und zu treffe, quietscht sie laut. Sie kann jetzt Eis essen und kichern, sie kann ein bisschen sprechen und ein Händeklatschspiel beinahe perfekt, sie kann Küsschen geben und streckt mir immer ihren kleinen Kopf entgegen, damit ich ihr auf den Hals puste und sie noch viel mehr lachen muss.

Peh ist ein Glückskind

Peh ist ein Glückskind. Klar, der Virus ist da, die meisten Nerven in ihrem Körper zerstört und auch ihr Augenlicht ist für immer weg und noch gibt es keine Langzeiterfahrungen mit den neuen Medikamenten. Aber ich denke nie daran, dass ich Peh mutmaßlich überleben werde, ich freue mich, wenn sie mich glücklich macht mit ihrem übermütigen Kichern.
Dank des Mercycentres in Bangkok haben viele Kinder wie Peh eine glückliche, liebevolle Kindheit in Sicherheit. Das Haus in den Slums von Bangkok ist auch für mich in den letzten fünf Jahren zu einem zweiten Zuhause geworden. Und so werde ich sicher noch viele der traurigen und dennoch fröhlichen Geschichten meiner kleinen Freunde dort für die Frohe Botschafterin aufschreiben.

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