Hochhauslauf in Bangkok

Banyan Tree Bangkok

Banyan Tree Bangkok

Was vermisst ein Schweizer in Thailand am meisten? Richtig: Käse und Schokolade. Das glauben mir immer alle. Es entspricht nicht nur den Klischees, sondern beruhigt auch alle Freunde, die aus der Heimat zu Besuch sind und mal wieder sondieren wollen, wie es denn so steht um die Wurzeln und den Bezug zur Heimat. Im zweiten Satz nenne ich dann gerne auch geistreichere Dinge wie zum Beispiel die Demokratie, die Jahreszeiten, den Wein oder die Berge. Ja, die Berge, die ja schon seit Jahrhunderten so viel Heimweh mit ebenso viel Tränen verursachten, wie jeden Sommer Schnee von ihnen schmilzt. Seit ich hier bin, suche ich sie vergebens und immer noch ertappe ich mich dabei, wie mein Blick hilfesuchend den Horizont abgrast, in der Hoffnung, irgendwann im Dunst der Smogglocke doch einmal noch die Zacken der Mythen oder der Berner Alpen auszumachen.

Mein Berg heisst Vertigo

Die Berge sind ja für uns Schweizer so etwas wie unsere Horizontbegrenzung. Der Rand, der uns vor dem bösen Abgrund schützt sozusagen. Und wenn wir hinaufsteigen auf ihre Gipfel, dann immer nur, um mit zusammen gekniffenen Augen in die Ferne zu blicken und dann mit Genugtuung festzustellen, dass das unbekannte Fremde in sicherer Entfernung liegt und es unten in den Tälern trotz engem Horizont immer noch viel gemütlicher ist. Doch was macht man, wenn dieser gemütliche Horizont plötzlich fehlt? Wo ich Schokolade,Käse und Wein kaufen kann in Bangkok, wusste ich bald. Doch Berge kann man selbst in Thailand nicht kaufen, die muss man erklimmen. Und das habe ich nach vier Jahren jetzt endlich geschafft. Mein Berg heißt Vertigo.

Am Ende des Anfangs

180! Nein, es ist leider noch nicht die Zahl der Meter über Boden, sondern nur die Zahl, die der Pulsmesser anzeigt. 180 und erst bei Stock 10. Meine schlimmsten Zweifel scheinen sich zu bewahrheiten. Ich hätte wohl doch trainieren sollen, bevor ich mich auf dieses Abenteuer einließ: 196 Meter, aufgeteilt in 61 Stockwerke oder 1093 Treppenstufen und das alles zu Fuß. Jetzt ist es zu spät. Vor mir trippeln federleicht die Fußsohlen meines Kollegen Alex immer schön auf meiner Augenhöhe Stufe um Stufe dem Ziel entgegen. Noch buchstäblicher könnte ich ihm gar nicht auf den Fersen sein. Es riecht nach Lösungsmittel und sticht leicht in der Lunge. Wir sollten aufpassen, bei Stock 10 hat uns die überfreundliche Dame vor ein paar Minuten in der klimatisierten Hotellobby noch gewarnt. Sie tönte leicht besorgt und erklärte uns, dass noch nicht alles fertig sei und im Moment noch auf verschiedenen Stockwerken gebaut würde. Von unserem Vorhaben ließen wir uns deswegen nicht abbringen. Wir wollten ihn um jeden Preis erklimmen, einen der höchsten Gipfel Bangkoks und zwar aus eigener Muskelkraft und nicht per Fahrstuhl, wie das die meisten machen. Der Wolkenkratzer, in dessen düsterem Bauch wir uns im Moment nach oben quälen, beherbergt das Fünfsterne Hotel Banyan Tree und ist berühmt für sein Freiluftrestaurant fast 200 Meter über den Strassen Bangkoks: Das Vertigo. Wie sehr wünsche ich mir, jetzt schon da oben bei einem eisgekühlten Drink zu sitzen, mich von langweiligem Lounge-Jazz besäuseln und meinen Blick über die Dächer Bangkoks schweifen zu lassen.

Skybar Vertigo Bangkok

Skybar Vertigo Bangkok

Stattdessen klammere ich mich an meine Wasserflasche und kämpfe wie Sisyphus gegen die Gravitation. 33 Grad Celsius zeigte das Thermometer, als wir vor sechs Minuten durch die unscheinbare Metalltüre ins Treppenhaus schlüpften. Je höher wir uns in diesem Stufen-Nirvana spiralförmig nach oben schrauben, desto wilder beginnen auch meine Gedanken zu kreisen. Alex’ Füße vor meinen Augen verwandeln sich langsam in Kolben einer Maschine, die in immergleichem Rhythmus Treppenstufe um Treppenstufe nach unten drücken. Mein Schweiß wird zum Schmieröl dieser Mördermaschine. Ich erinnere mich an Bilder des berühmten Surrealisten M.C. Escher, und befürchte auf einer seiner endlosen Treppen gelandet zu sein. Eine Treppe deren Ende immer wieder zum Anfang wird und auf der man vergebens ein Ziel sucht.

Unser Sherpa

Wir haben die Hälfte hinter uns und plötzlich wechselt die Farbe des Bodens zu Grün. Eine Tür öffnet sich. Baulärm umgibt den Mann im dunklen Anzug, der jetzt lächelnd das Treppenhaus betritt. Wie eine Erscheinung aus dem Nichts steht er im Türrahmen und nickt uns freundlich zu, um uns von nun an schweigend zu begleiten. Er sei für unsere Sicherheit verantwortlich, hatte uns die freundliche Frau schon unten im tiefen Tal sein späteres Dazustoßen vorangekündigt. Er würde uns in einem Notfall zur Seite stehen, sagte sie und Notfälle kommen ja vor, wenn man Berge besteigt; als Schweizer weiß man das. Gletscherspalten gibt es hier zwar keine, Wetterumbrüche und Lawinen auch nicht, abstürzen könnte man aber schon. Mein Blick wandert übers Treppengeländer unter dem sich der tiefe Abgrund öffnet. Es wird mir ein bisschen schwindlig. Vielleicht habe ich ja auch schon Anzeichen von Höhenkrankheit oder sind es doch eher die Dämpfe des frisch gestrichenen Treppenhauses, die dieses leicht besäuselte Gefühl hervorrufen? Noch 15 Stockwerke trennen uns vom blauen Himmel. Ruhig lächelnd folgt uns der Wachmann, in Anzug und Krawatte, ohne sichtliche Anstrengung beschützt er uns vor den Launen des Berges. Ich stelle mir vor, er sei unser Sherpa, der uns -wenn auch nicht aufs Dach der Welt, immerhin aufs Dach des Hotels Banyan Tree in Bangkok begleitet. Unsere Schritte gehen langsamer. Ich glaube, die Luft ist schon dünner hier oben und ich spüre meine Beine, die sich langsam mit Blei füllen. Die Kolben der Mördermaschine stampfen langsamer, das Schmieröl läuft in Strömen. Ein letztes mal wendet sich die Treppe nach rechts und da sind wir: 61 steht mit roter Farbe an die graue Wand gepinselt. Mit einer stillen Handbewegung weist uns unser Sherpa den Weg zum Gipfel. Vorbei an den gigantischen Kompressoren der Hotelklimaanlage über eine letzte Treppe erreichen wir endlich das Ziel und nach genau 13 Minuten und 50 Sekunden endet dieser Alptraum. 196 Meter über Boden blinzeln wir in die grelle Sonne. Ich kneife meine Augen zusammen, schaue in die Ferne und frage mich, ob das da drüben hinter dem Fluss wohl Österreich, Deutschland oder sogar Italien ist. Hätte mich nicht das freundliche „Herzlich willkommen“ des Restaurantmanagers zurück in die Realität katapultiert, wäre ich wohl nie ganz sicher gewesen, ob ich nicht doch über den Rhein statt über den Chao Praya blicke. Denn so weit oben verliert man gern einmal den Bezug zur Realität.

Kleiner Nachtrag

Der Sieger des 11. Vertical Marathons im Banyan Tree hat den Wolkenkratzer am 20. September in gerade einmal 6 Minuten und 27 Sekunden bezwungen. Die schnellste Frau in der Klasse 50+ war in 9:49 am Ziel… Wie stehen wir denn jetzt da?!

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