Haare waschen an einem Sonntag verhilft zu langem Leben
Beitrag von christinagrawe on 6/18/09 • Kategorie Asien Stories
Neulich bei mir zu Hause: „Ich bin kurz weg, gehe zum Friseur.“, informiere ich meine thailändische Haushälterin Jong. „Heute??“ Mit großen Augen schaut sie mich an und hält mich zurück. „Warum nicht?“ frage ich. „Heute ist doch Mittwoch, das ist kein guter Tag zum Haare schneiden“, erklärt sie mir mit warnender Stimme. „Das bringt Unglück!“

Polohemden für jeden Wochentag
Jetzt lebe ich ja schon einige Jahre in Thailand, weiß auch, dass bestimmten Wochentagen bestimmte Farben zugeordnet sind. Und dass der Montag gelb und der König an einem Montag geboren und somit Gelb seine Glücksfarbe ist. Und zu Ehren der Königin, die an einem blauen Freitag zur Welt kam, tragen ihre Anhänger an diesem Tag gerne himmelblaue Polohemden. Aber was bitte haben nun meine Haare mit dem Wochentag zu tun? Neugierig und interessiert, wie man als guter Journalist sein sollte, entschloss ich mich spontan, den Friseurbesuch zu verschieben und stattdessen mit Jong zu plaudern. Und erfuhr Erstaunliches. Aberglaube, Tabus und Traditionen im thailändischen Alltag nehmen eine derart große Rolle ein, wie ich es nicht ahnte.
Jeder hat seinen persönlichen Glückstag
Dass die meisten Thailänder an Geister glauben und vor einer wichtigen Entscheidung einen Mönch oder einen Wahrsager um den richtigen Zeitpunkt fragen, ja, das wusste ich. Aber dass Jong meine Bettwäsche tatsächlich nur mittwochs wechselt, war mir einfach nicht aufgefallen in den vergangenen 3 Jahren. Oder dass sie an ihrem ersten Arbeitstag bei uns genau um 9 Uhr morgens klingelte und das Haus betrat, hielt ich damals einfach nur für eine normale Zeit, einen neuen Job zu beginnen. Für Jong aber war es eine glückverheißende Uhrzeit, noch dazu an einem Dienstag, ihrem astrologisch zugeordneten Glückstag. „Bevor ich hierher kam, ließ ich mir von einem Mönch sagen, wie viel Uhr eine gute Zeit ist. Ich hatte da schon ziemlich schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht.“ Einen früheren Job hatte Jong schnell und unüberlegt antreten müssen, da sie Geld brauchte. Sie wollte eigentlich bis zum Dienstag warten, musste aber bereits montags beginnen. Sie ahnte schon, dass das Unglück für ihre Familie bedeutete, erzählt sie mir. „In der Woche danach fiel prompt mein Sohn vom Baum und hatte eine komplizierten Armbruch.“
Tierkreiszeichen in der Geburtsurkunde
Was die meisten Europäer vielleicht zum Schmunzeln bringt, bestimmt thailändisches Leben. Bereits in der thailändischen Geburtsurkunde ist das Tierkreiszeichen vermerkt genauso wie die Sternenkonstellation der Geburtsminute. „Ich bin im Jahr der Ratte geboren“, erzählt meine Haushälterin mir weiter. „Im Mai. Damit war von Anfang an klar, dass mich ein hartes Leben erwartet.“ Ihre Erklärung: Eine Ratte findet im Mai auf den Feldern nicht viel zu essen, es ist Trockenzeit. Das steht symbolisch für ein mühsames Leben.
Ich bin ebenfalls im Jahr der Ratte geboren, stellen wir fest. Allerdings, so beruhigt mich Jong gleich: „November ist Erntezeit! Ratte im November – kein Problem. Noch dazu an einem Montag! Glückliches Leben!“ Hm, dass der November in Deutschland allerdings ein eher kalter, unfruchtbarer Monat ist, sei mal ausgeklammert aus thailändischer Logik.
Da gibt es also Jahre, die Bedeutung haben. Angelehnt an chinesische Tierkreiszeichen. „Niemals könnte ich einen Mann heiraten, der im Jahr des Hundes geboren ist“, sagt Jong. „Auch das Jahr des Affen passt nicht zu mir. Mein erster Mann war im Jahr des Affen geboren. Aller warnten uns vor einer Beziehung, sie würde vorzeitig enden. Aber wir haben trotzdem geheiratet. Tja, und dann ist mein Mann früh gestorben, vor mir.“
Genauso wichtig sind die Tage. „Haare waschen an einem Sonntag verhilft zu langem Leben, Shampoo am Montag bringt Geld ins Haus“, erklärt sie weiter. „Warum?“ frage ich. „Ist halt einfach so!“ antwortet Jong.
Alles zu seiner Zeit.
Dann die Uhrzeiten: „Wenn man nachts die Fingernägel schneidet, ist es, als würde man den Ahnen die Knochen brechen. Sie werden dich als Geister verfolgen!“ Außerdem: „Augenbrauen zupfen im Dämmerlicht bringt Unglück für das weitere Leben.“
Mir schwirrt schon der Kopf. Aber Jongs Leben besteht noch aus viel mehr selbst auferlegten Traditions-Regeln: Da gibt es Blumen und Tiere, die bestimmte Dinge im Leben voraussagen oder verhindern, lerne ich. Dass wir Frangipanibäume vor das Haus gepflanzt haben, duldet sie nur stillschweigend, weil wir ja nichts ahnende Ausländer sind. Da nimmt man das nicht so streng. Für Thais aber würde das Unglück bedeuten. Wichtig sei auch, ob man ein Erd- oder Wassertyp ist. Sie selbst sei ein Wassermensch, das sind die besten, die anpassungsfähigsten, sagt Jong. Zahlen, Träume, Ess- und ja, auch Niesgewohnheiten – es gibt kaum einen Lebensbereich, vor dem thailändischer Aberglaube nicht halt macht. Ich nenne es Aberglaube, aber in der Tat ist es eine Mischung aus Animismus, Buddhismus, Hinduismus, chinesischer Numerologie und Astronomie. Alle Regeln, alle Tabus zusammenzufassen, würde mehrere Bücher füllen.
Eine kurze Umfrage auf der Straße
Ratchaneee Hanchan, 36, Büroangestellte aus Khon Khaen:
„Ich glaube zwar eigentlich nicht daran, aber mache mich auch nicht lustig darüber. Beerdigungen in unserer Familie finden zum Beispiel niemals an einem Mittwoch, einem Donnerstag oder an einem buddhistischen Feiertag statt.“
Rattana Panyachareonsuk, 56, Marktfrau aus Bangkok:
„Also es interessiert mich nicht, an welchem Tag ich Haare oder Nägel schneide. Nur eins: Ich trage niemals schwarz. Das bringt Unglück, denke ich.“
Prateep Jiratrakultamma, 60, Verkäufer aus Bangkok:
„Ich lasse meine Haare nur sonntags schneiden, da ich sonntags geboren wurde. Das macht mich glücklich. Außerdem verehre ich den Sonntagsbuddha.“
Siwimol Kenchai, 31, Friseurin aus Payao:
„Es ist ja einfach Tradition: Wenn ich im Tempel beten will, eine Hochzeit geplant ist oder eine Beerdigung, dann frage ich einen Mönch, welcher Tag ein Glückstag dafür ist. Und ich mag die Farbe grün nicht, da ich an einem Freitag geboren wurde.“
Pranop Apinatpongsana, 24, Steward aus Bangkok:
„An die Farbregeln glaube ich nicht. Aber wenn ich etwas bestimmtes erreichen möchte und darum beten will, dann frage ich einen Mönch vorher, welcher der günstigste Tag dafür ist.“
Die genaue Erklärung aber, warum ein Mittwoch beim Friseur Unglück über mich und meine Familie bringt, weiß ich bis heute nicht. Jong sagt: „So ist es eben! Schon immer!“
Wenn Sie die Erklärung kennen, ich freue mich über Mails. So lange lasse ich mir meine Haare am besten einfach wachsen. Man weiß ja nie!
Bedeutung der Haarwäsche nach Wochentagen …
Montags: Glück und Geld
Dienstags: Stärke gegenüber den Feinden
Mittwochs: Unglück, üble Nachrede
Donnerstags: sehr empfohlen, da die Schutzengel dann aktiviert werden
Freitags: glückliches Leben
Samstags: sehr gut, Erfolg
Sonntags: langes Leben
Bedeutung der Wochentage und der Geburtstage …
Montag
Farbe: gelb
Empfohlen: Beginn des Hausbaus
Tabu: Hauseinweihung
Charakter: ernsthaft, reiselustig, schlau
Bester Beruf: Händler, Arzt, Krankenschwester, Fischer
Dienstag
Farbe: pink
Tabu: Hausbaubeginn, Hochzeiten
Charakter: tapfer, aktiv, ernsthaft
Bester Beruf: Polizist, Soldat, Koch, Friseur, Chemiker
Mittwochs tagsüber
Farbe: hellgrün
Empfohlen: Hausbaubeginn, Bettwäsche wechseln, Hauseinweihung
Tabu: Haare schneiden, Haare waschen, Zeremonie im Haus
Charakter: ehrgeizig, lustig
Bester Beruf: Künstler, Musiker, Bankbeamter
Mittwochs nachts
Farbe: grün
Tabu: Fingernägel schneiden
Charakter: hart arbeitend, ehrlich
Bester Beruf: Dichter, Arzt, Wissenschaftler, Schauspieler
Donnerstag
Farbe: orange
Empfohlen: Hausbaubeginn, Hauseinweihung
Tabu: Waldspaziergänge
Charakter: gutherzig, still, ehrlich
Bester Beruf: Richter, Lehrer
Freitag
Farbe: blau
Empfohlen: Gartenarbeit, Hauseinweihung
Tabu: Beerdigungen
Charakter: ehrgeizig, lustig
Bester Beruf: Bankbeamter, Designer, Sänger
Samstag
Farbe: violett
Empfohlen: Haare waschen
Tabu: Hausbaubeginn, Schneiderarbeiten, neue Kleidung tragen
Charakter: logisch denkend, ruhig
Bester Beruf: Ingenieur, Minenarbeiter, Agrarwissenschaftler
Sonntag
Farbe: rot
Tabu: Hausarbeiten, Hauseinweihung
Charakter: sorglos, schlau
Bester Beruf: Manager, Arzt, Handwerker


